Stimme fürs Handicap

Reden über gute und schlechte Zeiten

Stimme fürs
Handicap

Reden über gute
und schlechte Zeiten

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Eigentlich kennen sie sich schon lange, Aurelia Schmidig und Padi Bernhard. Sie hatten immer mal wieder Berührungspunkte: Aurelias Schwager war in einer frühen Zusammensetzung von Mash Gitarrist, heute gehen Aurelias Kinder an die Schule, wo Padi als Lehrer tätig ist. So richtig ins Gespräch gekommen sind sie trotzdem noch nie, und so kommt es, dass der Sänger erst heute die Frage stellt, die im Kontakt mit handicapierten Menschen oft im Raum steht: «Was hast du eigentlich?»

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Aurelia bleibt normalerweise eher im Hintergrund, sie ist nicht der Typ, der im Rampenlicht stehen will. Doch sie kennt die Worte genau, mit denen sie ihre Geschichte erzählt, und legt deshalb unbeirrt los: «Ich war damals 14 und mit meinen Eltern in den Sommerferien in einer Berghütte. Während ich mein Zähne putzte, brach ich plötzlich zusammen, wie eine Marionette, deren Fäden abgeschnitten wurden.» Mit diesem Tag kamen die spastischen Symptome, die nie wieder weggingen. «Am meisten gestört hat mich, dass alltägliche Dinge wie ein Sprint auf den Zug nicht mehr möglich waren», erzählt sie.

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Heute bewegt sich die zweifache Mutter in der Öffentlichkeit mit einem Rollator, weil sie sich damit sicherer fühlt und Stürzen vorbeugen kann. Aurelia macht Physio- und Hippotherapie mit einem Pferd, damit sich ihre angespannten Muskeln lösen können, ausserdem turnt sie einmal pro Woche bei Plusport Schwyz. Procap-Mitglied wollte sie anfangs nicht werden: «Schliesslich war ich überzeugt, dass ich nicht behindert bin – dass es schon wieder weggeht.» Das Blatt hat sich gewendet. Aurelia ist nicht nur bei Procap dabei, sie engagiert sich sogar als Aktuarin im Vorstand. Damit gibt sie Menschen mit einem Handicap eine Stimme und setzt sich für ihre Anliegen ein. Procap bietet kleine Stützen im Alltag, kümmert sich aber auch um grössere Fragen: Zum Beispiel, welche Rechte handicapierte Personen aus dem Sozialversicherungsrecht geltend machen können.

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Auch Padi Bernhard weiss, dass eine Behinderung jeden treffen kann. Manchmal wie bei Aurelia Schmidig von einer Minute auf die andere, manchmal schleichend über Jahre hinweg. Padis Frau hört nur noch sehr wenig, was die ganze Familie geprägt hat. Auch hier sind die kleinen Dinge entscheidend, die Aussenstehende gar nicht wahrnehmen: Sie hört zum Beispiel im Frühling die Vögel nicht mehr zwitschern. «Jeder Mensch hat ein Handicap», sagt Padi Bernhard. Doch er ist überzeugt: «Wenn wir darüber reden, rückt es in den Hintergrund.» Und der Mensch hinter dem Handicap wieder nach vorne.